Erfolgreicher Protest gegen Nazikundgebung in Saarbrücken

200 Antifaschist_innen ver­hin­dern Nazikundge­bung im Nauwieser Vier­tel – Nazis müssen geplanten Kundge­bung­sort aufgeben

Etwa 200 Antifaschist_innen stell­ten sich am heuti­gen Mon­tag, 29. Juli 2013, ein­er Naz­imah­nwache in der Saar­brück­er Innen­stadt ent­ge­gen. Der vom Lud­wigshafen­er Nazikad­er Chris­t­ian Hehl angemelde­ten Kundge­bung zur Freilas­sung des NS-Kriegsver­brech­ers Erich Priebke fol­gten weniger als 20 Nazis aus dem Saar­land und aus Rhein­land – Pfalz.
Die Nazi­wah­nwache kon­nte auf­grund des antifaschis­tis­chen Protests nicht wie geplant vor dem ital­ienis­chen Kon­sulat im Saar­brück­er Nauwieser Vier­tel stat­tfind­en, son­dern wurde von der Polizei vor die Europa Galerie ver­legt. Dort kon­nten sie anfangs nahezu ungestört ihre Mah­nwache abhal­ten. Nach Ankun­ft der Gegen­demon­stra­tion aus dem Nauwieser Vier­tel wurde die Nazikundge­bung laut­stark gestört, sodass die Nazis ihre Mah­nwache been­de­ten und den Rück­zug Rich­tung Saar­brück­er Haupt­bahn­hof antrat­en. Dabei grif­f­en sie trotz Polizeibegleitung auf Höhe der Saar­bahn­hal­testelle Gegendemonstrant_innen an.

Dazu führt Alexan­der Breser, Press­esprech­er der Antifa Saar / Pro­jekt AK, aus: „Die einge­set­zte Polizei war offen­sichtlich mit der Gesamt­si­t­u­a­tion über­fordert, konzen­tri­erte sich lediglich auf das Schikanieren von Gegendemonstrant_innen und war nicht in der Lage zu ver­hin­dern, dass Nazis Antifaschist_innen angreifen und ver­let­zen kon­nten.“

Im weit­eren Ver­lauf wur­den min­destens drei Antifaschist_innen ungerecht­fer­tigt vor­läu­fig festgenom­men. Die Polizei ver­frachtete die Nazis auf­grund der für sie unüber­sichtlichen Sit­u­a­tion am Saar­brück­er Haupt­bahn­hof in ihre Mannschaftswa­gen und ließ sie später in einem bere­it­gestell­ten Lin­ien­bus aus der Stadt fahren. Für die Antifaschist_innen endete der Tag mit ein­er Spon­tandemon­stra­tion durch die Saar­brück­er Fußgängerzone.

Alexan­der Breser zieht ein pos­i­tives Faz­it: „Dass es uns inner­halb sehr kurz­er Zeit gelun­gen ist so viele Men­schen auf die Straße zu brin­gen und die Nazikundge­bung nicht wie geplant stat­tfind­en zu lassen, ist als Erfolg zu bew­erten. Dafür danken wir allen engagierten Antifaschist_innen, die heute mit uns auf die Straße gegan­gen sind. Wir wer­den auch weit­er­hin unseren Wider­stand auf die Straße tra­gen, wenn Nazis in Saar­brück­en ver­suchen aktiv zu wer­den.“

Presseartikel:
Saar­brück­er Zeitung vom 30.07.2013: Krawall bei rechter Kundge­bung [PDF]
SR — Online vom 29.07.2013: Zusam­men­stöße mit Neon­azis in Saar­brück­en [PDF]
SR 3 vom 29.07.2013: Demo gegen Nazi-Mah­nwache [MP3]
Aktueller Bericht vom 29.07.2013: Proteste gegen Nazikundge­bung in Saar­brück­en [Youtube]

Weit­ere Bilder: http://www.flickr.com/photos/bundphotography/sets/72157634848755574/

Nachtrag: Skandalöser Prozess gegen Antifaschisten endet mit Einstellung

Heute mor­gen fand am Amts­gericht in Saar­brück­en ein Prozess wegen „Land­friedens­bruch“ gegen mehrere Antifaschis­ten aus dem Umfeld des selb­stver­wal­teten Jugendzen­trums Neunkirchen statt. Vorge­wor­fen wurde ihnen am 13. Jan­u­ar 2008 den, zu diesem Zeit­punkt in Neunkirchen ansäs­si­gen, Naziladen „First Class Streetwear“ mit Steinen und Farbe ange­grif­f­en zu haben. Der heutige Prozess wurde von unge­fähr 60 Antifaschist_innen begleit­et, die Sol­i­dar­ität mit den Angeklagten zeigten. Weit­er­lesen

Ach ja, die schon wieder…

Die Bur­schen­schaft Ghi­bel­li­nia fällt mal wie­der durch ihre Affi­ni­tät zur extre­men Rech­ten auf. Mit Josias Schmidt, der bei ihnen als Keil­gast gela­den ist, wer­ben sie aktiv um ein Mit­glied der Saar­län­di­schen Naziszene.

Die Ghi­bel­li­nen oder hoch­of­fi­zi­ell die „Bur­schen­schaft Ghi­bel­li­nia zu Prag in Saar­brü­cken“ ist schon ein selt­sa­mer Hau­fen. Von ferne betrach­tet ein stu­den­ti­scher Ver­ein, der sich der Pflege bizar­rer Rit­uale, dem Tra­gen alber­ner Kos­tüme ver­schrie­ben hat und des­sen Mit­glie­der halb­tags dem Bier trin­ken und dem “Deutsch­sein” nach­ge­hen. So weit so trau­rig und eigent­lich nicht der Rede wert, wären da nicht die stän­di­gen ras­sis­ti­schen, sexis­ti­schen und natio­nal­chau­vi­nis­ti­schen Aus­fälle ihrer Mit­glie­der und gäbe es nicht Über­schnei­dun­gen mit der offen auf­tre­ten­den Naziszene.

 

Aktu­ells­tes Bei­spiel: Seit Beginn des Win­ter­se­mes­ters 2012/13 bewegt sich Josias Schmidt aus Neun­kir­chen im Umfeld der Ghi­bel­li­nia. Schmidt, der im ers­ten Semes­ter Jura an der Uni­ver­si­tät des Saar­lan­des stu­diert, ist Teil ein­er grö­ße­ren Nazi­cli­que aus Fried­richts­thal und Umge­bung (siehe Fotos am Ende des Bei­trags). Dies scheint die Har­mo­nie zwi­schen ihm und der Ghi­bel­li­nia aber nicht zu stö­ren, so war Schmidt „Keil­gast“ (d.h. Gast, der für die Bur­schen gewor­ben wer­den soll) auf dem Wald­fest der Ghi­bel­li­nia (siehe Foto wei­ter unten) und wurde/wird zu den Par­tys der Ghi­bel­li­nia ein­ge­la­den (Bsp.: „Semes­ter­an­tritts­kneipe WS 12/13“ im Haus der Bur­schen­schaft am 13.10.12; „Las Vegas Par­ty“ im Haus der Bur­schen­schaft am 17.11.12).
Es ist nicht wei­ter ver­wun­der­lich, dass eine For­mie­rung wie die Ghi­bel­li­nia sol­che Gestal­ten anzieht. Schon mehr­fach ist die Ghi­bel­li­nia durch das Ver­hal­ten ihrer Mit­glie­der aufgefallen:

- Aus ihrer Selbst­dar­stel­lung kann man erfah­ren, dass sie schon 1887 ihre letz­ten jüdi­schen Mit­glie­der aus­ge­schlos­sen haben und dass der Über­fall der Wehr­macht auf die Tsche­cho­slo­wa­kei „die Deut­schen (in Prag) von ein­er unge­heue­ren Bedrü­ckung“ „befre­ite“. Über ihr Mit­glied Hugo Jury, wel­cher sich bei Kriegs­ende sei­ner Ver­haf­tung und Ver­ur­tei­lung durch Selbst­mord ent­zog, wird hin­ge­gen nur etwas ver­druckst berich­tet, dass die­ser „gro­ßen poli­ti­schen Ein­fluss gew[ann]“, (1) wobei kaschiert wird, dass er die­sen Ein­fluss als NSDAP-Größe und Kriegs­ver­bre­cher erlangte.

- Auf Ein­la­dung der Ghi­bel­li­nia spra­chen mehr­fach extrem rechte Refe­ren­ten wie Rein­hard Gün­zel (ehe­ma­li­ger Bri­ga­de­ge­ne­ral, der wegen anti­se­mi­ti­scher Tira­den aus der Bun­des­wehr ent­las­sen wurde) oder etwa Rolf Schlie­rer (Bun­des­vor­sit­zen­der der REP’s). (2)

- Aus einem inter­nen Pro­to­koll der Ghi­bel­li­nia von 2011 kon­nte man ent­neh­men, dass sie zum „Pogrom“ auf­ru­fen, „Neger lyn­chen“ wol­len, eine Ent­schul­di­gung vom Jüdi­schen Welt­kon­gress for­dern oder vom her­bei­bom­ben der Abspal­tung Süd­ti­rols von Ita­lien träu­men (natür­lich alles nur Spaß). (3)

- Im Nach­gang ein­er 2009 im Corp­shaus des „Corps Fran­ko­nia Prag zu Saar­brü­cken“ began­ge­nen Ver­ge­wal­ti­gung an ein­er Stu­den­tin, für die zwei Corps­mit­glie­der 2011 zu mehr­jäh­ri­gen Haft­stra­fen ver­ur­teilt wur­den, (4,5) kam wie­derum eine ganze Rei­he Inter­nas aus dem Innen­le­ben die­ser wider­li­chen Ver­eine ans Licht. Bei­spiels­weise, dass es auch einen sexu­el­len Über­griff eines Ghi­bel­li­nen auf eine Frau am Rande ein­er Ver­an­stal­tung der Ger­ma­nia gege­ben hat, wel­cher dann mit Alko­hol­ver­bot und einem kurz­zei­ti­gen Kos­tüm­tra­ge­ver­bot sank­tio­niert wurde. Dass es hier­bei nicht um die Sank­tio­nie­rung der Tat oder die Reflek­tion der Ereig­nisse, son­dern pri­mär um die Ver­tu­schung der Über­griffe ging, lässt sich gut anhand ein­er Mail der Fran­ko­nia an die Ghi­bel­li­nia zei­gen. In die­ser beschwe­ren sich diese, dass Domi­ni­que Rossi von der Ghi­bel­li­nia Witze über die Ver­ge­wal­ti­gung macht, was für sie ein Pro­blem dar­stellt, denn „Wenn sich die Ereig­nisse, wel­che vor zwei Jah­ren auf unserm Corp­shaus pas­sier­ten, unter den jun­gen Stu­den­ten her­um­spre­chen, kön­nen wir zu sper­ren. Es wäre der Unter­gang unse­res Corps und wir müss­ten sus­pen­die­ren.“ (6)

- Dominique-Chris­t­ian Rossi, wel­cher mitt­ler­weile zu den „Alten Her­ren“ der Ghi­bel­li­nia gehört, hat nach eige­nen Anga­ben auch schon für die rechte Wochen­zei­tung „Junge Frei­heit“ geschrieben.6 Zusam­men mit dem spä­te­ren „Lan­des­ju­gend­spre­cher“ der saar­län­di­schen NPD Tim Stahn und Gün­ther Gabriel, der spä­ter in den Vor­stand der NPD wech­selte, war er 1998–99 in Vor­stands­äm­tern des „Bun­des Freier Bür­ger“ einem Pro­jekt der sog. „Neuen Rech­ten“ orga­ni­siert. (7)

- Da fällt es schon fast nicht mehr ins Gewicht, wenn die vor­mals von Roland The­is, dem CDU-Gen­er­alsekretär im Saar­land, als “hono­rige Män­ner” bezeich­ne­ten Ghi­bel­li­nen von ihren eige­nen Mit­glie­dern instru­iert wer­den müs­sen gefäl­ligst die Füße still zu hal­ten, wenn es sich schon nicht ver­mei­den lässt, dass bedau­er­li­cher­weise eine Tür­kin anwe­send ist: „Ach klei­ner Hin­weis. Mor­gen kommt auch ein alter Mer­zi­ger Fre­und von mir. Mit sei­ner tür­ki­schen Lebens­ge­fähr­tin:-= Könn­test Du die Jungs um Con­tennance bit­ten:-))“ (6)

So zeigt sich wie­der und wie­der, dass sich die Ghi­bel­li­nia trotz gegen­tei­li­ger Bekun­dun­gen nach wie vor am rech­ten Rand bewegt und neben ein­er ideo­lo­gi­schen auch eine per­so­nelle Nähe zur Nazi­szene hat.

Antifa Saar / Pro­jekt AK im Novem­ber 2012

Josias Schmidt beim „Wald­fest“ der Bur­schen­schaft Ghibellinia:

(v.l.n.r.): Prof. Dr. Rein­hard Latza (Geschäfts­füh­rer der „Medi­zi­ni­sches Ver­sor­gungs­zen­trum Labor Saar GmbH“), Unbe­kannt, Josias Schmidt, Timm Bren­ner (Fecht­wart der Ghi­bel­li­nia), Mat­thias Immes­ber­ger, Unbe­kannt, Kevin Wal­lus (Schrift­wart der Ghi­bel­li­nia) und Felix Wey­er (Spre­cher der Ghibellinia).

Josias Schmidt am 14.03.2009 auf einem Nazi­auf­marsch des „Natio­na­len Wider­stands Zwei­brü­cken“ anläss­lich der Bom­bar­die­rung Zwei­brü­ckens im Zwei­ten Weltkrieg:


Josias Schmidt und David „Dave“ Schulz auf ein­er Nazi­party in Tierbachtal: 


David Schulz sitzt im Moment in Stutt­gart in Unter­su­chungs­haft. Ihm wird vor­ge­wor­fen, am Rande ein­er Nazi­party die 2011 im baden-würthem­ber­gis­chen Win­ter­bach statt­ge­fun­den hat, zusam­men mit ande­ren Nazis an der ver­such­ten Ver­bren­nung von fünf Men­schen betei­ligt gewe­sen zu sein.(8)

Fuß­no­ten:
(1): http://antifa-saar.org/images/Paulmann_Geschichte.pdf
(2): http://www.dielinke-saar.de/fileadmin/Pdf-Dateien/Burschenschaft.pdf
(3): http://www.fr-online.de/die-neue-rechte/nach-enthuellung-fdp-distanziert-sich-von-burschenschaft,10834438,10897724.html
(4): “Nach Auf­fas­sung des Ober­staats­an­wal­tes sei erwie­sen, dass die bei­den eine 25-jährige Bekan­nte nach einem Besuch in der Saar­brü­cker Disko Kufa im Wohn­heim ein­er stu­den­ti­schen Ver­bin­dung ver­ge­wal­tigt haben. Ob K.O.-Tropfen im Spiel waren, war nicht zu bewei­sen. Die Frau fand sich nach der durch­fei­er­ten Nacht in ein­er Blut­la­che. Eine Freun­din brachte sie in ein Kran­ken­haus.” — Wegen Ver­ge­wal­ti­gung sol­len zwei 27-Jährige lange ins Gefäng­nis — Saar­brü­cker Zei­tung vom 17.02.2011
(5): Haft­stra­fen wegen Ver­ge­wal­ti­gung ein­er 25-Jähri­gen im Wohn­heim — Saar­brü­cker Zei­tung vom 23.02.2011
(6): https://linksunten.indymedia.org/de/node/54552
(7): Anga­ben des Bun­des­wahl­lei­ter 30.04.1999
(8): „Im April 2011 hat­ten einige Fre­unde, deren Fami­lien tür­ki­scher und ita­lie­ni­scher Her­kunft sind, auf einem Gar­ten­grund­stück gegrillt. Gleich­zei­tig waren auf ein­er benach­bar­ten Streu­obst­wiese 70 Ange­hö­rige der rechts­ex­tre­men Szene zu ein­er Geburts­tags­feier zusam­men­ge­kom­men. In der Nacht rie­fen einige zur Hetz­jagd auf die »Kana­ken« auf. Die Ange­grif­fe­nen wur­den geschla­gen und getre­ten, man­che stürz­ten beim Ver­such zu ent­kom­men und erlit­ten schwere Ver­let­zun­gen. Fünf der Gejag­ten ver­schanz­ten sich vor­über­ge­hend in ein­er Holz­hütte des Gar­ten­grund­stücks, die jedoch von den Rechts­ex­tre­men bere­its in Brand gesteckt wurde. Auf­zeich­nun­gen des Not­rufs doku­men­tier­ten vor Gericht die Todes­angst der Ein­ge­schlos­se­nen, die erst im letz­ten Moment die Flucht wag­ten und sich aus der ­nie­der­bren­nen­den Hütte ret­te­ten.“ — Brand­stif­ter als Bie­der­män­ner — Jun­gle World vom 15.11.2012

Recherche-Info: Christoph Hector – Muay Thai Kämpfer und Teil der saarländischen Naziszene


Down­load: Recherche-Info: Christoph Hec­tor — Muay Thai Kämpfer und Teil der saar­ländis­chen Naziszene [PDF]

Update vom 19.11.2012:

Nach Veröf­fentlichung dieser Recherche — Infor­ma­tion dis­tanzierte sich das “Team Ball­ter­ri­er” von Hec­tor. Nach eige­nen Angaben wurde seine Mit­glied­schaft frist­los gekündigt und ein Hausver­bot gegen ihn aus­ge­sprochen. Darüber hin­aus dis­tanziere sich das “Team Ball­ter­ri­er” von Recht­sradikalis­mus und men­schen­ver­ach­t­en­den poli­tis­chen Einstellungen.

Christoph Hec­tor (geb. 1985) trainierte bis vor weni­gen Wochen Muay Thai (Thai­box­en) im Chora­kee Gym in Merzig1 und Luta Livre2 beim “Team Ball­ter­ri­er” in Saar­brück­en. Er nahm in der Gewicht­sklasse unter 76 kg für das Charo­ke­e­Gym an (semi-)professionellen Wet­tkämpfen teil und kon­nte bere­its zahlre­iche Titel gewin­nen. Bei den Wet­tkämpfen kon­nte er fol­gende Erfolge verze­ichen: DBO Cham­pi­on of Cham­pi­ons 2012, Deutsch­er AFSO K‑1 Cham­pi­on 2012, Deutsch­er IFMA Meis­ter 2010, Rhein­land-Pfalz Meis­ter 2010 und 2011, Deutsch­er Vize IFMA Meis­ter 2009 und 2011 und Saar­land­meis­ter 2008 und 2009.
Christoph Hec­tor ist aber eben nicht nur MuayThai Kämpfer, son­dern auch überzeugter Nazi. Weit­er­lesen

In Gedenken an Max Braun — Max-Braun-Platz in der Saarbrücker Innenstadt eingeweiht

Gut 100 Men­schen erin­ner­ten am Don­ners­tag, 18. Okto­ber 2012 in Saar­brü­cken an den mili­tan­ten Anti­fa­schis­ten Max Braun, der als Mit­glied der Saar­brü­cker SPD in den frü­hen 1930er Jah­ren gegen die Anglie­de­rung des Saar­ge­bie­tes an Nazi-Deutsch­land kämpfte. Anlass für die Kund­ge­bung war die offi­zi­elle Ein­wei­hung des zwi­schen Großher­zog-Friedrich-Straße und Land­wehr­platz neu geschaf­fe­nen „Max-Braun-Platz“. Antifaschist_innen erin­ner­ten mit Trans­pa­ren­ten, Fah­nen, Pla­ka­ten und Auf­kle­bern auf dem Platz und im Umfeld an die poli­ti­sche Arbeit Max Brauns und sei­ner Mitstreiter_innen, die bis heute aus der öffent­li­chen Erin­ne­rung die­ser Stadt weit­ge­hend ver­drängt ist.

Die Benen­nung des Plat­zes nach Max Braun wurde von der Koali­tion aus SPD, Grü­nen und Linke im Saar­brü­cker Stadt­rat beschlos­sen und mit einem offi­zi­el­len Akt und der Ent­hül­lung ein­er Gedenk­ta­fel 67 Jahre nach Brauns Tod im Lon­do­ner Exil umge­setzt. In Rede­bei­trä­gen erin­ner­ten Red­ner der Par­tei die Linke, der St.Johanner SPD und der His­to­ri­ker Erich Spä­ter an Max Braun und sei­nen Ein­satz für ein demo­kra­ti­sches, anti­fa­schis­ti­sches Saar­ge­biet und die von nazis­ti­scher Ver­fol­gung bedroh­ten saar­län­di­schen Jüdin­nen und Juden. Als eine der her­aus­ra­gen­den Akteure ein­er anti­fa­schis­ti­schen Ein­heits­front machte sich Max Braun im Abstim­mungs­kampf 1935 für die Bei­be­hal­tung des Sta­tus Quo und gegen den Anschluss des Saar­ge­bie­tes an Nazi-Deutsch­land stark. Von ein­er über­wäl­ti­gen­den Mehr­heit der Saarländer_innen wurde Max Braun dafür ange­fein­det und bedro­ht. Nach dem ein­deu­ti­gen Votum von über 90% der Saarländer_innen für den Anschluss des Saar­ge­bie­tes an Hitler-Deutsch­land emi­grierte Max Braun, wie rund 6.000 wei­tere Saarländer_innen, zuerst nach Frank­reich, von wo aus er sei­nen anti­fa­schis­ti­schen Kampf vor allem publi­zis­tisch wei­ter­führte. Nach der Besat­zung Frank­reichs durch deut­sche Trup­pen gelang Max Braun die Flucht nach London.
In den ers­ten Nach­kriegs­jah­ren wurde die Poli­tik im Saar­ge­biet haupt­säch­lich von ehe­ma­li­gen Wider­stands­kämp­fern getra­gen, die sich in den neu zuglas­se­nen Par­teien SPS, CVP und KPS enga­gier­ten. 1947 wurde die Großher­zog-Friedrich-Straße in Saar­brü­cken in Max-Braun-Straße umbe­nannt. Doch der Sieg der pro­deut­schen „Hei­mat­bund­par­teien“, deren Akteure mehr­heit­lich ehe­ma­lige Nazis waren, bei der Abstim­mung 1955 bedeu­tete zugle­ich ein jäh­es Ende der bis dahin gepfleg­ten anti­fa­schis­ti­schen Erin­ne­rungs­kul­tur. Mit der öffent­lich­keits­wirk­sa­men Rück­be­nen­nung der Max-Braun-Straße in Großher­zog-Friedrich-Straße und zahl­rei­cher wei­te­rer Stra­ßen­um­be­nen­nun­gen sowie der Wie­der­er­rich­tung preu­ßi­scher und deut­scher Mili­tär­denk­mä­ler for­cier­ten die saar­län­di­schen Alt­na­zis eines ihrer zen­tra­len Anlie­gen: das nach­hal­tige Aus­lö­schen der Erin­ne­rung an die weni­gen saar­län­di­schen Antifaschist_innen, die sich dem Natio­nal­so­zia­lis­mus ent­ge­gen gestellt hatten.

Bere­its 2010 machte ein von Antifa Saar / Pro­jekt AK und dem Ver­ein CriT­hink! e.V. initi­ier­tes Bünd­nis mit ein­er Demons­tra­tion und ein­er Abend­ver­an­stal­tung auf die in Saar­brü­cken noch immer ver­drängte Erin­ne­rung an Max Braun auf­merk­sam. Dass der Saar­brü­cker Stadt­rat sich nun dazu ent­schlos­sen hat, den Namen Max Braun zurück in die Saar­brü­cker Innen­stadt zu brin­gen, ist sicher­lich ein guter Anfang. Doch in einem Land, wo eta­blierte Par­teien noch immer mit Stolz auf ihre Nazi-Grün­derväter bli­cken, wo eine „Straße des 13. Janu­ars“ den Beginn der orga­ni­sier­ten Ver­trei­bung, Ent­rech­tung und Ver­nich­tung der jüdi­schen Min­der­heit und des Ter­rors gegen die weni­gen Antifaschist_innen fei­ert, und wo die geplante Errich­tung eines Denk­mals für die aus­ge­löschte jüdi­sche Gemeinde den saar­län­di­schen Mob zur Rase­rei treibt, da bleibt noch sehr viel zu tun.

Flugblatt „In Gedenken an Max Braun“ erschienen


Down­load:
Flug­blatt “In Gedenken an Max Braun” [PDF]
Aufk­le­ber zu Max Braun [PDF]

Anläßlich der Ein­wei­hung des Max-Braun-Platzes am 18.10.2012 neben der Alten Feuerwache in Saar­brück­en hat die Antifa Saar / Pro­jekt AK zur Würdi­gung Max Braun´s ein Flug­blatt über seinen poli­tis­chen Werde­gang und den Kampf gegen den Nation­al­sozial­imus an der Saar verfasst.

Das Flug­blatt kann hier in Druck­qual­ität herun­terge­laden wer­den oder in gedruck­ter Fas­sung bei uns bezo­gen wer­den (siehe Kon­takt). Weit­er­lesen

Einweihung des Max – Braun – Platzes in Saarbrücken am 18.10.2012

Am 18. Okto­ber 2012 soll in Saar­brück­en ein Platz nach dem saar­ländis­chen Antifaschis­ten Max Braun benan­nt wer­den, der im Zuge der Saarab­stim­mung 1935 gegen den Anschluss des Saar­lan­des an Deutsch­land kämpfte. Max Braun war in der poli­tis­chen Land­schaft des Saar­lan­des eine Aus­nah­meer­schei­n­ung, da er für eine unbe­d­ingte Aussöh­nung mit Frankre­ich ein­trat und den deutschen Nation­al­is­mus und Mil­i­taris­mus ver­ab­scheute. Nach­dem 90% der Saar­län­derin­nen und Saar­län­der am 13. Jan­u­ar 1935 nicht trotz, son­dern wegen Hitler für den Anschluss des Saar­lan­des an Deutsch­land stimmte, floh Max Braun zunächst nach Frankre­ich, später nach Eng­land. Für Braun war die Sol­i­dar­ität mit der bedro­ht­en jüdis­chen Min­der­heit ein Bestandteil sein­er poli­tis­chen und pub­lizis­tis­chen Prax­is. Weit­er­lesen

Frankfurter Rundschau: “Nach Enthüllung: FDP distanziert sich von Burschenschaft”

Frank­furter Rund­schau vom 26. Sep­tem­ber 2011

Nach Enthül­lung: FDP dis­tanziert sich von Burschenschaft

Von Felix Helbig

 

Der Alther­ren­vor­stand der Saar­brück­er Ghi­bellinia hat nach den Enthül­lun­gen der Frank­furter Rund­schau über ras­sis­tis­ches Gedankengut in der Burschen­schaft seinen Rück­tritt ein­gere­icht. CDU und FDP dis­tanzieren sich nun deut­lich von der Verbindung.

 

Die Enthül­lun­gen über ras­sis­tis­ches Gedankengut in der Saar­brück­er Burschen­schaft Ghi­bellinia schla­gen weit­er hohe Wellen. Neben der Saar-CDU dis­tanziert sich auch die FDP deut­lich von der schla­gen­den Verbindung. „Die Lib­eralen pfle­gen in kein­er Weise eine beson­dere Nähe zur Ghi­bellinia“, sagte der stel­lvertre­tende FDP-Lan­deschef Sebas­t­ian Greiber der Frank­furter Rund­schau. Zwar habe er im ver­gan­genen Jahr auf ein­er Festver­anstal­tung zum 130-jähri­gen Beste­hen der Burschen­schaft ein Gruß­wort gehal­ten. „Der Satz ‘Die Flamme der Burschen­schaft möge in unserem wun­der­schö­nen Saar­land ewig bren­nen’ ist dort aber nie gefall­en“, sagte Greiber. Vielmehr habe er die ver­sam­melten Burschen mit einem Zitat des franzö­sis­chen Sozial­is­ten Jean Jau­rés dazu aufgerufen, ihre Tra­di­tion „nicht nur rück­wärts gewandt zu ver­ste­hen, son­dern im Heute zu leben.“

 Vor der Zerreißprobe

Hin­ter­grund ist ein internes Papi­er der Burschen, das die Frank­furter Rund­schau und die Berlin­er Zeitung veröf­fentlicht hat­te. Darin bericht­en die Ghi­bellinia-Aktiv­en über ver­meintliche Pogrome, bei denen sie „Neger gelyncht“ hät­ten, und laden zur „Neger­jagd“ in Afri­ka ein. Bei Ver­anstal­tun­gen der Burschen­schaft waren in der Ver­gan­gen­heit wieder­holt Spitzen­poli­tik­er von der Saar aufge­treten. „Von solchen Ein­las­sun­gen kann man sich gar nicht genug dis­tanzieren“, sagte Greiber. Bei seinem Auftritt habe es aber kein­er­lei Anze­ichen für entsprechen­des Gedankengut in der Ghi­bellinia gegeben. Vielmehr seien dort zahlre­iche hon­orige Per­sön­lichkeit­en aufge­treten. „Wenn das Papi­er den Tat­sachen entspricht, werde ich dort bes­timmt nicht mehr auftreten“, so Greiber. Ähn­lich hat­te sich auch der CDU Gen­er­alsekretär Roland The­is geäußert, der von „abstoßen­dem und wider­lichem Gedankengut“ sprach.

Vor ein­er Zer­reißprobe ste­ht nach den Enthül­lun­gen indessen die Burschen­schaft. Wie die FR erfuhr, hat der Alther­ren­vor­stand der Ghi­bellinia seinen Rück­tritt ein­gere­icht, er äußerte sich dem­nach „entset­zt“ und „zutief­st ent­täuscht“ über die „unsäglichen“ Ein­las­sun­gen der jün­geren Aktiv­en. Gegen den Ver­fass­er des Papiers, das als Pro­tokoll eines Gen­er­al­con­vents der Burschen­schaft ver­schickt wor­den war, müsse vorge­gan­gen werden.Bei den Aktiv­en sieht man die Veröf­fentlichung des Papiers der­weil als Super­gau. Die Ver­bre­itung könne den Fortbe­stand der Ghi­bellinia „ern­sthaft in Gefahr“ brin­gen. Gle­ichzeit­ig heißt es intern weit­er, die Mehrheit der Aktiv­en würde das Pro­tokoll als witzig anse­hen. Es gebe keinen Grund, gegen den Ver­fass­er vorzugehen.

 

http://www.fr-online.de/die-neue-rechte/nach-enthuellung-fdp-distanziert-sich-von-burschenschaft,10834438,10897724.html

Frankfurter Rundschau: “Eine Burschenschaft und ihre Spitzenpolitiker”

Frank­furter Rund­schau vom 22. Sep­tem­ber 2011

Am recht­en Rand

Eine Burschen­schaft und ihre Spitzenpolitiker

Von Felix Helbig

 

Unser­er Redak­tion wur­den Doku­mente zuge­spielt, mit denen die Burschen­schaft Ghi­bellinia in ein recht­sex­tremes Licht gestellt wird. Das Pikante: Hohe saar­ländis­che Volksvertreter pfle­gen regen Kontakt.

 

Die alten Her­ren mit den Mützen waren bester Laune. Ihre Burschen­schaft, die stolze Ghi­bellinia zu Prag, hat­te ein Jubiläum zu feiern an diesem Abend im Mai 2010 im Saar­brück­er Schloss, der Saal war geschmückt, die Gästeliste kon­nte sich sehen lassen. Volk­er Lin­newe­ber, der Präsi­dent der Uni­ver­sität des Saar­lan­des, hielt die Fes­tansprache, der Gen­er­alsekretär der Saar-CDU, Roland The­is, über­mit­telte ein Gruß­wort des Min­is­ter­präsi­den­ten, er dank­te der Ghi­bellinia „ganz her­zlich“ für „ihr Engage­ment zur Wahrung gesellschaftlich­er, demokratis­ch­er und frei­heitlich­er Werte“. Und Sebas­t­ian Greiber, der Vize-Lan­deschef der FDP, ermunterte die Burschen zu mehr Engage­ment und rief: „Die Flamme der Burschen­schaft möge in unserem wun­der­schö­nen Saar­land ewig bren­nen.“ Begeis­tert applaudierten die alten Her­ren den Män­nern ohne Mützen, die ihnen der­art gewogen waren. Als das Fest sich dem Ende zuneigte, erk­lang im Saal das völkische Heimatlied „Deutsch ist die Saar“.

Keine harm­lose Studentenverbindung

In Saar­brück­en haben diese Auftritte im Früh­jahr für einige Aufre­gung gesorgt. Nach ein­er Buchveröf­fentlichung, die ihre Reden bei der Ghi­bellinia doku­men­tierte, war­fen sich Spitzen­poli­tik­er im Saar­land gegen­seit­ig Kon­tak­te zu dieser Burschen­schaft vor, die schon länger im Ver­dacht ste­ht, weit am recht­en Rand zu ste­hen. Das Ganze habe sich dann aber „schnell versendet“, sagt CDU-Gen­er­alsekretär The­is der Frank­furter Rund­schau und der Berlin­er Zeitung. Es habe ja jed­er mit anderen promi­nen­ten Red­nern bei der Ghi­bellinia argu­men­tieren kön­nen. Mit dem früheren SPD-Min­is­ter­präsi­den­ten Rein­hard Klimmt etwa. Mit dem Vor­sitzen­den der Syn­a­gogenge­meinde Saar, Richard Bermann. Mit dem Uni­ver­sität­spräsi­den­ten Lin­newe­ber. Und mit großen Namen aus CDU und FDP, zum Beispiel Rain­er Brüderle.

Auch die Ghi­bellinia nan­nte stets sie als Aushängeschilder und Ausweis ihrer Unver­fänglichkeit, die Burschen nen­nen sich „demokratisch“ und „über­parteilich“. So sahen das auch CDU und FDP in der mit den Grü­nen regieren­den Jamai­ka-Koali­tion. Es ist nur schlicht nicht richtig.

Doku­mente, die uns zuge­spielt wur­den, zeigen, dass die Ghi­bellinia vieles zu sein scheint, aber keine harm­lose Stu­den­ten­verbindung. Die 1880 in Prag gegrün­dete Burschen­schaft ist schon wegen ihrer His­to­rie belastet, unter den frühen Mit­gliedern find­en sich stramme Nazis, ihr Grün­der Karl Her­mann Wolf war Anti­semit. Und die heute Aktiv­en ste­hen ihren Vor­bildern wenig nach. So zeigt das Pro­tokoll eines Gen­er­al­con­vents der Verbindung im Jan­u­ar dieses Jahres, wie es wirk­lich bestellt ist um das Welt­bild der Bundesbrüder.

Zusam­me­nar­beit mit der FDP

Dem­nach schwadronieren die Burschen in trauter Runde, sie hät­ten einen Brief des jüdis­chen Weltkon­gress­es bekom­men, in dem dieser sich entschuldige, „unseren AH Jury in der Ver­gan­gen­heit geschmäht zu haben“. Der „Alte Herr“ Hugo Jury begann einst als Ghi­belline, nach sein­er Kar­riere in der NSDAP wurde er 1942 SS-Ober­grup­pen­führer. Laut Pro­tokoll erwä­gen die Burschen, einen Film mit dem Titel „Jurys Liste“ zu drehen und neue Aufla­gen eines Buch­es zu druck­en, mit dem anscheinend Adolf Hitlers „Mein Kampf“ gemeint ist.

So geht das weit­er. „Es fol­gt ein kleines Progrom“, ste­ht auf der zweit­en Seite des Pro­tokolls in man­gel­hafter Rechtschrei­bung. Beschrieben wird ein offen­bar fik­tives Pogrom der Burschen, bei dem „zur Feier des Tages vier Neger gelyncht“ wer­den, „die man vorher weiß getüncht“ habe. Unter „Ver­anstal­tun­gen für das näch­ste Semes­ter“ find­en sich schließlich eine „Aktiven­fahrt nach Namib­ia zur Neger­jagd“ und „zwei wöchentliche Progrome“. Die Burschen­schaft selb­st stellt das Schrift­stück, ver­fasst und ver­schickt von einem ihrer Aktiv­en, später intern als „Satire­pro­tokoll“ dar. Auf Anfra­gen der Frank­furter Rund­schau reagiert sie nicht.

Uni­ver­sität­spräsi­dent Volk­er Lin­newe­ber spricht von „ser­iösen Leuten“ aus dem Saar­land, die immer wieder zu ihm kämen, von Anwäl­ten und Ärzten, die dann in seinem Büro säßen und ihn ein­laden wür­den zu Ver­anstal­tun­gen der Ghi­bellinia. So sei das eben „in einem kleinen Land“. Mit dem Pro­tokoll kon­fron­tiert, sagt Lin­newe­ber, „muss ich natür­lich sagen, dass ich erhe­blich schär­fer hätte recher­chieren müssen“. Die Burschen ver­hiel­ten sich an der Hochschule aber „völ­lig unscheinbar“.

Roland The­is sieht das ähn­lich. Der CDU-Gen­er­alsekretär hat­te sich bis­lang gegen alle ver­wahrt, die „die Ghi­bellinia unter Extrem­is­musver­dacht stellen“, und die Burschen „hon­orige Män­ner“ genan­nt. Nach Ansicht des Pro­tokolls spricht er von „abstoßen­dem und wider­lichem Gedankengut“, das er „mit Abscheu“ zurück­weise. Hat­te die CDU die Burschen bis­lang auch mit Spenden unter­stützt, komme er nun „zu einem anderen Ergeb­nis“, er sei „erschrock­en und überrascht“.*

Dabei hätte nicht nur The­is schon viel früher erschrock­en und über­rascht sein kön­nen. Im Verbindung­shaus der Ghi­bellinia am Saar­brück­er Schmit­ten­berg hän­gen Alte Her­ren in ein­er Ahnen­ga­lerie, von denen intern selb­st Ghi­belli­nen zu bedenken geben, dass sie aus der Sicht von „Empörten und Aufgeregten“ als prob­lema­tisch betra­chtet wer­den kön­nten – da sie „nachgewiesen­er Maßen nicht ger­ade Fre­unde des jüdis­chen Volkes“ waren.

Und auch die Gas­tred­ner der Ghi­bellinia tau­gen keineswegs immer als Aushängeschilder: Unter ihnen find­en sich Markus Beisicht, Mit­grün­der der vom Ver­fas­sungss­chutz als recht­sex­trem eingestuften Bürg­er­be­we­gung Pro Köln, der Repub­likan­er-Vor­sitzende Rolf Schlier­er und der frühere Brigade­gen­er­al Rein­hard Günzel, der dem Kom­man­do Spezialkräfte in Afghanistan als Kom­man­deur diente. Günzel wurde 2003 in Ruh­e­s­tand ver­set­zt, weil er dem wegen ein­er anti­semi­tis­chen Rede aus der CDU aus­geschlosse­nen Bun­destagsab­ge­ord­neten Mar­tin Hohmann einen Sol­i­dar­itäts­brief geschrieben hatte.

Richard Bermann sagt, man hätte eigentlich „nur mal im Inter­net nach­schauen“ müssen, um zu wis­sen, wes Geistes Kind die Burschen sind. Der Vor­sitzende der Syn­a­gogenge­meinde hat das selb­st ver­säumt, er sei damals „vol­lkom­men blauäugig“ als Gas­tred­ner bei der Ghi­bellinia aufge­treten, erst anschließend habe er nachge­forscht und sei „erschrock­en, was da zu Tage kam“. Als einziger dis­tanzierte er sich umge­hend von seinem Auftritt, den er heute einen „großen Fehler“ nennt.

Nicht genau genug nachgeforscht”

Roland The­is sagt, man habe da vielle­icht „nicht genau genug nachge­forscht“, ehe er Gruß­worte des dama­li­gen Min­is­ter­präsi­den­ten Peter Müller, der in diesem Herb­st immer­hin Ver­fas­sungsrichter wer­den will, über­mit­telte. Seine Koali­tion­spart­ner von der FDP im Saar­brück­er Land­tag sagen – nichts. Das hat Gründe: Wohl keine andere Partei im Saar­land pflegt so enge Kon­tak­te zur Burschen­schaft wie die Lib­eralen. Nicht nur haben ihre Spitzen­vertreter wie der stel­lvertre­tende Min­is­ter­präsi­dent Christoph Hart­mann der Ghi­bellinia immer wieder die Aufwartung gemacht und dabei schon mal die „inte­gra­tive Arbeit“ der Burschen­schaft gelobt, auch umgekehrt funk­tion­iert das Ver­hält­nis. So ist ein führen­der Ghi­belline auch Mit­glied im FDP-Kreisver­band Saar­brück­en. Gle­ichzeit­ig arbeit­et er für den Konz­ern des Kreisvor­sitzen­den Hart­mut Oster­mann, der mit seinen Senioren­res­i­den­zen und vielfälti­gen Kon­tak­ten als „Pate von der Saar“ gilt.

Richard Bermann nen­nt den FDP-Mann „die graue Emi­nenz“, er ken­nt die Ver­hält­nisse an der Saar, er hat sich inten­siv damit beschäftigt. Manche Partei, sagt er, habe dort eine beson­dere Geschichte. Und wolle sich offen­bar nicht damit auseinan­der­set­zen. Die FDP jeden­falls reagiert trotz mehrfach­er Ver­suche nicht auf Anfra­gen. E‑Mails und Anrufe zum The­ma Ghi­bellinia bleiben unbeantwortet.

Uni­ver­sität­spräsi­dent Lin­newe­ber hat ger­ade erst erneut eine Ein­ladung der Ghi­bellinia erhal­ten. Er habe sie abgelehnt, sagt er.

 

 

Kon­ser­v­a­tiv bis rechts:

Die Deutsche Burschen­schaft umfasst 120 Mit­glieds­bünde mit etwa 1300 stu­den­tis­chen Aktiv­en und mehr als 10.000 soge­nan­nten Alten Her­ren. Die poli­tis­che Hal­tung reicht von kon­ser­v­a­tiv bis rechts, allerd­ings gibt es auch sozialdemokratis­che Burschenschaften.

 Seit Früh­jahr 2011 tobt ein Stre­it um die Aus­rich­tung im Dachver­band, aus­gelöst durch Anträge auf dem — jährlich stat­tfind­en­den Burschen­tag. Darin ging es um einen “Ari­er­nach­weis”, mit dem eine Burschen­schaft aus­ländis­che Mit­glieder auss­chließen wollte.

 Ein weit­er­er Ver­bund der Burschen ist die am äußer­sten recht­en poli­tis­chen Rand zu veror­tende Burschen­schaftliche Gemein­schaft. So gilt etwa in der SPD eine Unvere­in­barkeit ihrer Verbindun­gen mit dieser Vereinigung.

 

*Aktu­al­isierung am Mon­tag, 26.09.2011: Ent­ge­gen ihren früheren Aus­sagen weist die CDU Saar­land darauf hin, die Ghi­bellinia mit Spenden nicht unter­stützt zu haben.

http://www.fr-online.de/die-neue-rechte/am-rechten-rand-eine-burschenschaft-und-ihre-spitzenpolitiker,10834438,10887356.html

 

In Gedenken an die Opfer des Saarbrücker „Rote Hilfe Prozesses“

Der Stad­trat beschließt die Ver­legung von drei „Stolper­steinen“ vor dem Rathaus St. Johann. Abstim­mungsergeb­nis: Gegen die Stimme des Mit­glieds der NPD beschlossen.“
So ste­ht es im Pro­tokoll der Sitzung des Saar­brück­er Stad­trats vom 08.02.2011. Auf Anre­gung der Vere­inigten der Ver­fol­gten des Naziregimes – Bund der Antifaschis­ten (VVN-BdA) wurde beschlossen, der drei von den Nazis ermorde­ten Stad­tratsmit­glieder mit der Ver­legung so genan­nter „Stolper­steine“ zu gedenken – wenig ver­wun­der­lich gegen die Stimme des NPD-Abge­ord­neten Peter Marx.
Die „Stolper­steine“ für Fritz Dobisch (SPD), Peter Roth (Kom­mu­nis­tis­che Partei – KP) und Wen­del Schorr (KP) wur­den am 08.04.2011 vor dem Saar­brück­er Rathaus verlegt.
Die „Stolper­steine“ sind ein Konzept, entwick­elt von Gunter Dem­nig. Mit den Gedenkplat­ten, welche zumeist vor dem let­zten Wohnort in das Pflaster ein­ge­lassen wer­den wird an von den Nazis ermordete und ver­triebene Men­schen erin­nert. Derzeit gibt es 24 „Stolper­steine“ in Saarbrücken. 

Erschienen in “Die Rote Hil­fe 03.2011”.

RoteHilfeZeitung03.2011: Der “Rote-Hil­fe-Prozess” 1938 in Saarbrücken