Redebeitrag eines der Opfer auf der Demonstration in Homburg am 26. März 2005

Hal­lo Fre­undin­nen und Fre­unde, Teil­nehmerin­nen und Teil­nehmer dieser Demonstration!
Am ver­gan­genen Fre­itag wurde ich abends von sechs Neon­azis auf dem Weg vom Autonomen Jugendzen­trum Hom­burg zum Bahn­hof abge­fan­gen. Ich befand mich mit mein­er Beglei­t­erin in der Hälfte des Weges, in Höhe der Fir­ma Havekost, als wir auf die “Sieg Heil” rufende Gruppe von Skin­heads und Hooli­gans trafen. Ich wurde bru­tal ver­prügelt. Mit deutsch­er Härte haben sie zugeschla­gen und auf mich einge­treten. Mit Fäusten und einem Teleskop­schlag­stock schlu­gen sie mich, bis ich am ganzen Kör­p­er Prel­lun­gen hat­te, ein blaues Auge, Platzwun­den am Bein und der Nase, bis mein Blut nicht nur das Gesicht und die Haare bedeck­te, son­dern auch meinen Pullover, meine Hose, meine Strümpfe und meine Schuhe. Sie zogen mich an den Haaren, spuck­ten mich an, zer­störten meine Brille und raubten mir das Handy, damit ich die Polizei nicht rufen kon­nte. Mein­er Beglei­t­erin zogen sie das T‑Shirt, mit der Auf­schrift “Gegen Nazis”, aus und ver­bran­nten es. Es gab für mich kein Entkom­men bis sie selb­st von mir abließen. Erst nach etwa ein­er Vier­tel­stunde kon­nte ich zurück zum Jugendzen­trum. Von dort aus wurde ich ins Kranken­haus gebracht. Nach sieben Stun­den im Kranken­haus und bei der Polizei, wurde ich ent­lassen. Zwei der Täter kon­nte die Polizei am sel­ben Abend in Gewahrsam nehmen. Der detail­lierte Bericht der Ereignisse ist auf der Inter­net­seite des Autonomen Jugendzen­trums Hom­burg nachzule­sen unter www.ajzhomburg.de.

Wir wur­den Opfer der deutschen Realität.
Diese Real­ität bedeutet, dass täglich irgend­wo in Deutsch­land Men­schen von Neon­azis belei­digt, angepö­belt, bedro­ht und ver­let­zt wer­den, viel zu oft auch ermordet.
Fast jede Woche marschieren hun­derte von Neon­azis auf irgen­dein­er Demon­stra­tion, Kam­er­ad­schaften und Nationale Wider­stände ziehen unter den Fah­nen des Nation­al­sozial­is­mus durch die Städte.
Regelmäßig erscheinen rechte Zeitun­gen wie die “Junge Frei­heit” oder “Nationale Wochen­zeitung” und wer­den an zahlre­ichen Kiosken verkauft.
Die Städte wer­den mit Nazi-Aufk­le­bern voll­gek­lebt und dumpfen Parolen vollge­sprüht. Rechte Parteien wer­den von Tausenden gewählt und ziehen in Par­la­mente ein.
Das passiert nicht erst seit kurzem, wie es im Main­stream der Berichter­stat­tung scheint, son­dern seit Jahrzehn­ten. Das Dritte Reich hat in Deutsch­land nie aufge­hört zu existieren. Täter des Nation­al­sozial­is­mus waren schnell reha­bil­i­tiert, haben die BRD mitaufgebaut.
Quer durch alle gesellschaftlichen Bere­iche find­en sich Beispiele für eine Fälschung und Umkehrung der Geschichte: Deutsche wer­den zu Opfern des Nation­al­sozial­is­mus verkehrt, Schlussstriche wer­den unter die ver­brecherische Bilanz deutsch­er Ver­gan­gen­heit gezo­gen, Anti­semiten het­zen öffentlich gegen Juden oder Israel und wenige stören sich daran. Nazis kön­nen sich auf diesem Hin­ter­grund recht wohl fühlen. Abge­se­hen von Zeit­en, wo das The­ma, wie jet­zt ger­ade, in ist und über­all darüber berichtet wird, kön­nen sie sich der Zus­tim­mung Viel­er sich­er sein. Ob ger­ade jemand über die Aus­län­der schimpft, die nicht arbeit­en gehen und uns doch irgend­wie die Arbeit­splätze weg­nehmen oder ob an allen Eck­en gefordert wird wieder stolz sein zu dür­fen auf Deutsch­land: der Ras­sis­mus der Nazis kommt aus der soge­nan­nten Mitte der Gesellschaft und dort find­en sie auch ihre Unter­stützung. Mir hat dieser Über­fall wieder ein­mal gezeigt, wie häßlich und scheiße Deutsch­land ist.
Ungläu­big fragte eine Kranken­schwest­er in der Klinik, ob es sowas in Hom­burg gäbe. Ja, Nazis gibt es in jed­er Stadt und in jedem Dorf. Über­all sind ihre Spuren zu find­en und um Deutschtümelei und Volksstolz zu find­en muss man sich nur mal in der Kneipe umhören oder dem Nach­bar mal genauer zuhören.
Auch das Jugendzen­trum musste sich jüngst mit der Dro­hung aus dem Inter­net-Forum des neon­azis­tis­chen Aktions­büro Saar auseinan­der­set­zen, wo angekündigt war, eine Ver­anstal­tung zum The­ma “NPD und freie Kam­er­ad­schaften im Saar­land” zu besuchen. Die bei­den Ver­anstal­tun­gen zum The­ma Recht­sex­trem­is­mus, die am 10. und 15. März im Juz stat­tfan­den, ver­liefen ruhig: Trotz­dem kön­nte dieser Angriff damit im Zusam­men­hang ste­hen. Auch wenn die Kam­er­ad­schaft Homburg/Neunkirchen, die Teil des Aktions­büro Saar ist, schein­bar nur auf dem Papi­er existiert, sollte diese weit­er beobachtet und in jed­er Form ange­grif­f­en werden.
Es wäre wün­schenswert, wenn Men­schen aus Hom­burg und Umge­bung diesen Vor­fall als Gele­gen­heit begreifen wür­den, organ­isiert gegen Faschis­mus vorzuge­hen, wenn sie sich in der Gruppe zusam­men­schließen wür­den, um Nazis auf der Straße zu beseit­i­gen, eben­so wie rechte Spin­nereien aus den Köpfen der Men­schen. Auch in Hom­burg ist es nötig sich gegen jede Form von Ras­sis­mus zur Wehr zu set­zen und Nazis jede Chance, ihre häßliche Fratze zu zeigen, zu nehmen. Hom­burg darf kein schützen­des Hin­ter­land für nationale Idioten sein. Dazu gehört auch, das Autonome Jugendzen­trum mit sein­er mehr als 20-jähri­gen Geschichte und antifaschis­tis­chen Tra­di­tion zu unter­stützen, aufzubauen und zu fördern. Das Jugendzen­trum muss weit­er als Freiraum genutzt wer­den, in dem Neon­azis und Träger von sex­is­tis­chem, ras­sis­tis­chem, anti­semi­tis­chem, nation­al­is­tis­chem und faschis­tis­chem Gedankengut keinen Platz haben und wo Posi­tio­nen für ein schöneres Leben erar­beit­et und gelebt werden.
Lei­der kann ich heute nicht selb­st hier sein, aber ich danke allen , die sich nach dem Über­fall um mich geküm­mert haben, sich nach meinem Zus­tand erkundigt haben und mir gut zuge­sprochen haben. Eben­so danke ich allen, die zur Demon­stra­tion gekom­men sind und denen, die die Demon­stra­tion organ­isiert haben und durch­führen. Es tut gut, soviel Sol­i­dar­ität zu erfahren.

Angriff ist die beste Vertei­di­gung, also schlagt die Faschis­ten, wo ihr sie trefft!

Flugblatt “Homburg, Nazis, deutsche Zustände” — 26.März 2005

Am späten Abend des 18.März 2005 wur­den in der Nähe des Hom­burg­er Jugendzen­trums ins­ge­samt 3 Jugendliche von Neon­azis ange­grif­f­en. Ein junger Mann wurde von den bewaffneten Nazis kranken­haus­reif geschla­gen, 2 junge Frauen wur­den gezwun­gen, ihre T‑Shirts mit dem Auf­druck “Gegen Nazis” auszuziehen. Die T‑Shirts wur­den ver­bran­nt, die Frauen wur­den sex­uell belästigt und bedroht.

Deutsche Zustände
Über­griffe wie diese stellen in Deutsch­land schon lange keine Aus­nahme mehr da, sie sind im Gegen­teil eher die Regel. Im Osten Deutsch­lands befind­en sich ganze Dör­fer und Stadt­teile unter der Hege­monie neon­azis­tis­ch­er Grup­pen, und auch im West­en wer­den täglich Men­schen beschimpft, bedro­ht, kör­per­lich ange­grif­f­en und schw­er ver­let­zt. Mit den Worten “Das ist mein Land! Hier habe ich das Recht!” grif­f­en die 6 Hom­burg­er Neon­azis am ver­gan­genen Woch­enende die BesucherIn­nen des Jugendzen­trums an und führten aus, wozu sie sich verpflichtet glaubten: die physis­che Bekämp­fung und Vertrei­bung von Men­schen, die in ihren Augen “undeutsch” und damit Men­schen sind, denen sie das Recht auf Leben und kör­per­liche Unversehrtheit absprechen dür­fen. Opfer solch­er Über­griffe sind oft­mals jüdis­che und dunkel­häutige Men­schen, Sin­ti, Roma, Homo­sex­uelle, Linke oder — wie in Hom­burg — Jugendliche, die sich der Unterord­nung in eine deutsche “Schick­sals­ge­mein­schaft” bewusst ver­sagen und darauf scheißen, deutsch zu sein.
Wer vor einem solchen ide­ol­o­gis­chen Hin­ter­grund han­delt, hat auch keine Hem­mungen davor, Men­schen umzubrin­gen. Erin­nert sei an Samuel Yeboah, Flüchtling aus Ghana, der vor 13 Jahren bei einem Bran­dan­schlag auf eine Asyl­be­wer­berun­terkun­ft in Saar­louis ermordet wurde. Erin­nert sei auch an Ahmed Sar­lak, der im August 2002 auf dem Sulzbach­er Salzbrun­nen­fest im Alter von 19 Jahren von einem stadt­bekan­nten Neon­azi erstochen wurde. Ein Mord übri­gens, der in kein­er Sta­tis­tik über recht­sradikale Gewalt­tat­en auf­taucht: das Gericht kon­nte oder wollte keinen frem­den­feindlichen Hin­ter­grund erken­nen und ver­buchte den Fall schließlich als Kirmess­chlägerei. Die Zahl der Opfer neon­azis­tis­ch­er Gewalt­tat­en dürfte um ein Vielfach­es höher liegen, als es die Krim­i­nal­itätssta­tis­tiken und die Ver­laut­barun­gen der Ver­fas­sungss­chutz-Ämter angeben.
Über­fälle wie der vom 18.März in Hom­burg gehören 2005 schon lange zum All­t­ag in der BRD. Längst fol­gt nicht mehr auf jeden Über­griff eine Demon­stra­tion, und längst haben sich viele Men­schen mit den Real­itäten in diesem Land abge­fun­den. Heute zog ein solch­er Über­fall wieder eine Demon­stra­tion nach sich, und wir sind froh, dass so viele Men­schen aus den unter­schiedlich­sten gesellschaftlichen Grup­pen unser Anliegen unter­stützen. Keines­falls in unserem Inter­esse läge es jedoch, wenn es am Mon­tag nach der Demon­stra­tion aus dem spär­lich bewach­se­nen saar­ländis­chen Blät­ter­wald schallen würde: “Hom­burg set­zt Zeichen gegen Neon­azis — alles wieder gut”. Wir sind kein Teil von Ger­hard Schröders lau­thals verkün­de­tem “Auf­s­tand der Anständi­gen”, der toll klingt und doch nur dazu da ist, aus­ländis­che Inve­storen und Jour­nal­is­ten davon zu überzeu­gen, dass es hier halt doch nicht so schlimm sei. Wir wer­den niemals vergessen, wo die Nazis herka­men und wo sie heute immer noch und ver­stärkt wieder auftreten.

NS-Struk­turen zerschlagen!
Während Über­griffe von Neon­azis oft und gerne mit zuviel Alko­hol, Frus­tra­tion und Per­spek­tivlosigkeit herun­terge­spielt wer­den, zeich­net die Real­ität ein anderes Bild. Die Täter sind oft­mals unter den organ­isierten Neon­azis — zum einen die Salon­faschis­ten der NPD, zum anderen die mil­i­tan­ten Neon­azis, die sich in soge­nan­nten “Freien Kam­er­ad­schaften” organ­isiert haben — oder in deren Umfeld zu find­en. Im Saar­land beste­ht mit der ehe­ma­li­gen “Kam­er­ad­schaft Saar­lautern” aus Saar­louis, die sich in der ver­gan­genen Woche aus juris­tisch-tak­tis­chen Grün­den für aufgelöst erk­lärt hat, eine der aktivsten Neon­azi­grup­pen im süd­west­deutschen Raum. Als fed­er­führende Gruppe im “Aktions­büro Saar”, einem Zusam­men­schluss von Neon­azikam­er­ad­schaften aus Saar­louis, Köller­tal, Saar­brück­en, Hom­burg und Neunkirchen, organ­isieren die Saar­louis­er Neon­azis vor allem Aufmärsche im Saar­land, Rhein­land-Pfalz bis nach Hes­sen und fungieren bei Neon­azikonz­erten als Saalschutz.
Zwis­chen mil­i­tan­ten Kam­er­ad­schaften und demokratis­chen Nazi-Parteien wie der NPD beste­hen feste Verbindun­gen und eine regelmäßige Zusam­me­nar­beit, die sich für die Öffentlichkeit wahrnehm­bar z.B. in gemein­samen Demon­stra­tio­nen (August 2004 in Völk­lin­gen) und Ver­anstal­tun­gen (Jan­u­ar 2005 in Fechin­gen) äußert. Offen propagiertes Ziel dieser Grup­pierun­gen, ganz egal ob partei­los oder ‑gebun­den, ist die Wieder­errich­tung eines nation­al­sozial­is­tis­chen Sys­tems. Gehör find­en diese Ideen in einem immer größeren Teil der Bevölkerung, der die NPD im let­zten Jahr in den Völk­linger Stad­trat und in zwei Saar­brück­er Bezirk­sräte wählte. Diese Men­schen wählten die NPD nicht obwohl , son­dern eben weil es Nazis sind.

Deutsche Ide­olo­gie angreifen!
5000 Neon­azis marschierten vor weni­gen Wochen durch Dres­den, um den deutschen Opfern der Bom­bardierung der Stadt zu gedenken. Tausende Dres­d­ner Bürg­er tat­en im Grunde genom­men das Gle­iche, auch wenn sie sich von den Nazis erst mal dis­tanzierten. Bun­deskan­zler Schröder erk­lärte zu diesem Tag, bezo­gen auf die NPD: “Geschichtliche Zusam­men­hänge wer­den ver­fälscht, die Schuld und Ver­ant­wor­tung, die Nazi-Deutsch­land für den Aus­bruch des zweit­en Weltkriegs, für Ver­nich­tung und Ter­ror hat­te, wird gar geleugnet.” Da hat er Recht. Aber wenige Sätze später ging es dann weit­er “Brück­en bauen, Ver­söh­nung leben — das ist die Botschaft des 13. Feb­ru­ar eine Botschaft die in Dres­den eben­so ver­standen wird wie in Coven­try, Guer­ni­ca und anderen Orten, die Opfer des Krieges wur­den”. Die NS-Stadt Dres­den also in ein­er Rei­he mit den­jeni­gen Städten, die Opfer der deutschen Angriff­skriege wur­den. Der Zeitungsredak­teur Her­mann Grem­l­iza stellte daraufhin in ein­er sein­er Kolum­nen die berechtigte Frage: “Waren die Bewohn­er Coven­trys und Guer­ni­cas Mit­glieder und Wäh­ler ein­er Partei, die die sich die Ver­nich­tung der Juden, der Kom­mu­nis­ten, der Sin­ti und Roma, der Homo­sex­uellen, der Behin­derten auf die Fah­nen geschrieben hat? Haben auch sie sich an dem Ver­mö­gen der vor ihren Augen abge­holten Nach­barn bere­ichert, dem ober­sten Mörder zwölf Jahre lang “Wir wollen unsern Führer sehn” zugerufen und auf die Frage, ob sie den total­en Krieg woll­ten Ja! gebrüllt? Gar auf die Nach­frage “Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute über­haupt noch vorstellen kön­nen?” noch lauter? Wur­den sie deshalb Opfer ein und des­sel­ben Täters “der Unmen­schlichkeit des Krieges” ?” (Konkret März 2005)
Wenn solche Rel­a­tivierun­gen zur Mehrheitsmei­n­ung wer­den, schaf­fen sie ein gesellschaftlich­es Kli­ma, das gewalt­same Über­griffe auf für anders erachtete Men­schen her­vor­ruft. Diese Täter-Opfer-Ver­drehung, wie sie seit eini­gen Jahren von deutschen His­torik­ern wie Gui­do Knopp oder dem Autor Jörg Friedrich massen­wirk­sam aufgear­beit­et wird, legit­imiert die Tat­en neon­azis­tis­ch­er Schläger wie hier in Hom­burg, denn wer sich selb­st als Opfer sieht, nimmt sich das Recht, sich gegen die, die man als Schuldige aus­macht, zu wehren. Mit dem Wis­sen im Rück­en, die Mei­n­ung viel­er tatkräftig auszuführen, macht sich die deutsche Jugend auch hier in Hom­burg auf, die Straßen von all dem zu säu­bern, was ihnen nicht deutsch genug erscheint.
Opfer der­sel­ben Ide­olo­gie, allerd­ings durch staatliche Hand, wer­den Men­schen, die aus den ver­schieden­sten Grün­den — poli­tis­che und sex­uelle Ver­fol­gung, Armut, dem Wun­sch nach einem besseren Leben etc. — nach Deutsch­land fliehen. Geduldet wer­den mit­tler­weile die aller­wenig­sten, für die meis­ten heißt es oft schon nach der Ankun­ft: Abschiebung! Oder wie es im so bürokra­ten­deutsch heißt: “Rück­führun­gen ins Heimat­land”. Sie sind an der Tage­sor­d­nung in dieser Repub­lik. Jährlich wer­den Tausende aus ihrem gewohn­ten Leben­sum­feld geris­sen, zum Frank­furter Flughafen ver­frachtet und in ihr ange­blich­es Heimat­land gebracht. Auch dann, wenn sie hier geboren wur­den und die Sprache des Lan­des, in das sie “rück­ge­führt” wer­den, gar nicht sprechen kön­nen. Auch hier­für gibt es Beispiele. Das bekan­nteste Beispiel im Saar­land ist wohl immer noch die Fam­i­lie Özdemir. Aber das ist bei weit­em nicht der let­zte Fall gewe­sen. Nur die Wenig­sten ger­at­en an die daran zum Großteil unin­ter­essierte Öffentlichkeit.

Was in Hom­burg geschehen ist, ist kein Einzelfall, der für sich alleine ste­ht. Was in Hom­burg geschehen ist, ist etwas in Deutsch­land alltäglich­es. Hom­burg ste­ht hier stel­lvertre­tend für das, was wir als “deutsche Zustände” begreifen. Diesen Zus­tand gilt es anzu­greifen. Wie, dafür haben auch wir kein Paten­trezept. Der Pub­lizist Wiglaf Droste hat ein­mal tre­f­fend for­muliert: “Ver­baler Antifaschis­mus ist Käse. Mil­i­tant soll er sein, vor allem aber erfol­gre­ich. Wenn sich dabei her­ausstellen sollte, dass es sich gegen 50, 60, 70, 80 oder 90 Prozent des deutschen Volkes richtet, dann ist das eben so. Wo Nazis “demokratisch” gewählt wer­den kön­nen, muss man sie nicht demokratisch bekämpfen”.

Antifa Saar / Pro­jekt AK

PDF: Flug­blatt: “Hom­burg, Nazis, deutsche Zustände”

Saarländischer Rundfunk: “Nazi-Überfälle in Homburg”

Saar­ländis­ch­er Rund­funk vom 21.03.2005

 

Nazi-Über­fälle in Homburg

 Heute ist der Inter­na­tionale Tag gegen Ras­sis­mus. Der Gedenk­tag, der vor fast 40 Jahren ins Leben gerufen wurde, hat von sein­er Aktu­al­ität nichts einge­büßt. Auch im Saar­land nicht, wie jet­zt Neon­azi-Über­fälle in Hom­burg zeigen.

 

(21.03.2005) Der Neon­azi-Über­fall am Woch­enende in Hom­burg sorgt im ganzen Saar­land für Auf­se­hen. Sechs Neon­azis über­fie­len am Fre­itag gegen 21.00 Uhr zwei Jugendliche, die ger­ade das Jugendzen­trum (JUZ) Hom­burg in Rich­tung Haupt­bahn­hof ver­ließen. Die Angreifer schlu­gen mit ein­er Eisen­stange auf den 19-Jähri­gen ein und ver­let­zten ihn schw­er. Mit Prel­lun­gen, Platzwun­den und Gesichtsver­let­zun­gen musste er ins Kranken­haus gebracht wer­den. Seine zwei Jahre jün­gere Beglei­t­erin wurde sex­uell belästigt. Die Neon­azis zwan­gen sie, ihr T‑Shirt mit der Auf­schrift “Gegen Nazis” auszuziehen und ver­bran­nten das Shirt.

 

Ober­staat­san­walt Raimund Weyand sagte SR 3 Saar­landwelle, an dem Abend sei ein weit­er­er sehr ähn­lich­er Vor­fall gemeldet wor­den. Eine eben­falls 17-Jährige sei beim Ver­lassen des JUZ belästigt wor­den. Auch ihr T‑Shirt mit ähn­lichem Auf­druck sei ver­bran­nt wor­den. Außer­dem habe das Mäd­chen aus­ge­sagt, sie sei mit einem Holzknüp­pel geschla­gen worden.

 

Drei mut­maßliche Täter ste­hen fest

Drei der sechs Täter sind inzwis­chen ermit­telt. Die bei­den 16-Jähri­gen und der 14-Jährige wur­den den Opfern bere­its gegenüber gestellt. Nach SR-Infor­ma­tio­nen sind sie dem Ver­fas­sungss­chutz bis­lang noch nicht aufge­fall­en. Staat­san­walt Weyand sagte, die Beschuldigten seien wohl “dem recht­en Spek­trum zuzuord­nen“. Am Tatabend sei wahrschein­lich “viel Alko­hol im Spiel“ gewe­sen. Weyand betonte, die Vor­fälle wür­den ernst genom­men. Gegebe­nen­falls werde beim Jugend­schöf­fen­gericht Anklage erhoben.

 

Hin­ter­grund: Inter­na­tionaler Tag gegen Rassismus

Vor fast 40 Jahren haben die Vere­in­ten Natio­nen (UN) den “Inter­na­tion­al Day for the Elim­i­na­tion of Racial Dis­crim­i­na­tion” ins Leben gerufen. In der UN-Res­o­lu­tion 2142 vom 26. Okto­ber 1966 verurteilen die UN Rassendiskri­m­inierung jeglich­er Form und fordern alle Län­der auf, Ras­sis­mus zu bekämpfen. Sechs Jahre zuvor hat­ten Polizis­ten in Südafri­ka bei ein­er friedlichen Demon­stra­tion gegen die Apartheid 69 Men­schen erschossen. Der 21. März wird in der Res­o­lu­tion zum weltweit­en Gedenk­tag gegen Ras­sis­mus ernannt.

runiceurope.org UN-Res­o­lu­tion 2142 gegen Rassismus

un.org Weit­ere Infor­ma­tio­nen der UN zum Kampf gegen Ras­sis­mus (in englis­ch­er Sprache)

 

Ver­fas­sungss­chutz weist Vor­würfe zurück

Nach Angaben des Bil­dungs- und Forschungswerks (BIFOR) Saar-Lor-Lux hat­ten die Über­fälle eine Vorgeschichte. Am 15. März habe die Polizei mit einem mas­siv­en Aufge­bot eine Ver­anstal­tung gegen Recht­sradikalis­mus im Hom­burg­er Jugendzen­trum schützen müssen. Ein Polizeis­prech­er bestätigte SR-online, dass die Ver­anstal­tung durch Poilzeibeamte geschützt wurde. Das BIFOR kri­tisierte den Direk­tor des saar­ländis­chen Ver­fas­sungss­chutzes, Hel­mut Albert. Er habe in einem Inter­view mit dem “Pfälzis­chen Merkur” die regionale Naziszene “ver­harm­lost”. Damit lief­ere er den Neon­azis “einen sym­bol­is­chen Freifahrtschein” für Über­griffe wie den in Hom­burg. Das Lan­desamt für Ver­fas­sungss­chutz wies die Vor­würfe zurück.

 

Antifa von Vor­fällen nicht überrascht

Nach Angaben der Antifa Saar sind die Über­fälle in Hom­burg keine Einzelfälle. Ein Antifa-Sprech­er sagte SR 3 Saar­landwelle, in den ver­gan­genen Wochen habe es mehrere Aufmärsche Rechter in der Region gegeben, unter anderem in Zweibrück­en. In Saar­louis, im Köller­tal, in Hom­burg und Neunkirchen gebe es “Kam­er­ad­schaften“. Diese seien in das bun­desweit agierende neon­azis­tis­che ‘Aktions­büro Saar’ einge­bun­den. Die bun­desweite Kam­er­ad­schaftsszene könne bis zu 5000 Per­so­n­en mobil­isieren. Dabei seien auch “immer starke Grup­pierun­gen aus dem Saar­land vertreten”.

 

Saar­louis­er Rechte geben Auflö­sung bekannt

Fed­er­führend sei hier die Saar­louis­er Kam­er­ad­schaft, die sich “Kam­er­ad­schaft Saar­lautern” nen­nt. Diese hat am Woch­enende im Inter­net ihre eigene Auflö­sung und die Auflö­sung der Kam­er­ad­schaft Köller­tal bekan­nt gegeben. Das hält die Antifa jedoch für einen Trick. Ihr Sprech­er sagte der Saar­landwelle, damit wolle die Kam­er­ad­schaft ein­er “Ver­botsver­fü­gung zuvorkom­men“. Nach der Bekan­nt­gabe der Auflö­sung müssten die Ermit­tlungs­be­hör­den eine neue Bewe­is­führung starten.

 

Quelle: Saar­ländis­ch­er Rund­funk, 21.03.05

Saarbrücker Zeitung: “Schwere Übergriffe auf Besucher des Homburger Jugendzentrums”

Saar­brück­er Zeitung vom 21.03.2005

 

Schwere Über­griffe auf Besuch­er des Hom­burg­er Jugendzentrums

Jugendliche Täter wer­den Neon­azi-Szene zugerechnet

 

Saar­brück­en. Zwei Über­fälle auf Besuch­er des Hom­burg­er Jugendzen­trums haben am Fre­itagabend jugendliche Täter verübt, die offen­bar der Neon­azis-Szene zuzurech­nen sind. Wie der Sprech­er der Staat­san­waltschaft, Raimund Weyand, am Son­ntag bestätigte, wurde ein 19-jähriger Mann ver­prügelt. Nach Angaben des Bil­dungs- und Forschungswerks Saar-Lor-Lux (Bifor) wurde der Mann mit ein­er Stahlrute zusam­mengeschla­gen, wobei er am ganzen Kör­p­er Ver­let­zun­gen erlitt, darunter auch schwere Gesichtsver­let­zun­gen. Außer­dem soll eine 17-jährige Frau ange­grif­f­en und sex­uell belästigt wor­den sein. Sie wurde gezwun­gen, ihr T‑Shirt mit der Auf­schrift “Gegen Nazis” auszuziehen, das anschließend ver­bran­nt wor­den sei.

 

Weyand bestätigte fern­er, dass die Polizei drei der mut­maßlichen Täter festgenom­men habe, Jugendliche im Alter von 16 und 14 Jahren.

 

Das Bil­dungswerk Bifor stellt einen Zusam­men­hang zwis­chen den Über­fällen und ein­er Infor­ma­tionsver­anstal­tung über “Recht­sradikalis­mus” mit Bifor-Ref­er­enten her, die am ver­gan­gen Dien­stag durchge­führt und durch ein mas­sives Polizeiaufge­bot gesichert wor­den sei. gf

 

Quelle: Saar­brück­er Zeitung, 21.03.05

 

 

Homburg/Saarbrücken. Die drei Jugendlichen, die am Fre­itagabend Über­fälle auf Besuch­er des Hom­burg­er Jugendzen­trums verübt hat­ten (wir berichteten), sind wieder auf freiem Fuß. Dies bestätigte der Sprech­er der Staat­san­waltschaft, Raimund Weyand, gestern gegenüber unser­er Zeitung. Man gehe zwar davon aus, dass die drei Täter, zwei 16-Jährige und ein 14-Jähriger, dem “recht­sori­en­tierten Milieu” zuzuord­nen seien. Allerd­ings gebe es keinen Haft­grund, weil wed­er Flucht- noch Ver­dunkelungs­ge­fahr bestünde. Dass die drei jun­gen Leute der Neon­azi-Szene zuzurech­nen seien, kon­nte Weyand nicht bestäti­gen. nip

 

Quelle: Saar­brück­er Zeitung, 22.03.2005

Pressemitteilung zum Naziüberfall in Homburg am 18.03.2005

Bru­taler Nazi-Über­fall auf antifaschis­tis­che Jugendliche in Hom­burg — Antifa Saar/Projekt AK kündigt Demon­stra­tion für näch­stes Woch­enende an.

Am späten Abend des 18. März wur­den in der Nähe des Hom­burg­er Haupt­bahn­hofs zwei jugendliche Antifaschis­ten von ein­er sech­sköp­fi­gen Gruppe junger Neon­azis über­fall­en. Mit den Worten “Dies ist mein Land! Hier habe ich das Recht!” wurde mit Fäusten und einem Teleskop­schlag­stock auf einen der Jugendlichen eingeprügelt, während eine junge Frau dazu gezwun­gen wurde ihr T‑Shirt mit der Auf­schrift “Gegen Nazis” auszuziehen. Das T‑Shirt wurde ver­bran­nt. Der junge Mann musste mit zahlre­ichen Ver­let­zun­gen in Gesicht, an Armen und Beinen im Kranken­haus mehrere Stun­den behan­delt wer­den. Er erstat­tete Anzeige. Zwei der Täter wur­den noch am sel­ben Abend von der Polizei gefasst.

Bei dieser Tat han­delt es sich um keinen Einzelfall. Auch wenn Jus­tizmin­is­ter Heck­en davon spricht, dass es im Saar­land im ver­gan­genen Jahr keine “recht­sex­trem­istis­chen Gewalt­tat­en” gab, so liegen der Antifa Saar mehrere doku­men­tierte Fälle von neon­azis­tis­chen Über­grif­f­en vor. So berichtete beispiel­sweise auch die Saar­brück­er Zeitung im Novem­ber 2004 von einem bru­tal­en Über­griff, began­gen von recht­en Schlägern, in Saar­brück­en. Und in Hom­burg existiert mit der Kam­er­ad­schaft Hom­burg / Neunkirchen eine ins bun­desweit agierende neon­azis­tis­che “Aktions­büro Saar” einge­bun­dene Struktur.

Ein Sprech­er der Antifa Saar/Projekt AK erk­lärte: “Solche Tat­en sind einge­bet­tet in ein all­ge­meines Kli­ma von Chau­vin­is­mus, Ras­sis­mus und Anti­semitismus in Deutsch­land. Die Nazis han­deln in solchen Momenten mit dem Gefühl die Inter­essen des Volkes zu vertreten. Und ide­ol­o­gisch sind sie auch von einem Großteil der Bevölkerung nicht allzu weit entfernt.”

Die Antifa Saar/Projekt AK ruft anlässlich dieses Über­falls auf zu ein­er Demon­stra­tion am Sam­stag, den 26. März 2005 um 14.00 Uhr unter dem Mot­to “Gegen deutsche Zustände! — NS — Struk­turen zer­schla­gen! — Deutsche Ide­olo­gie angreifen!”. Tre­ff­punkt ist vor dem Haupt­bahn­hof in Hom­burg. Grup­pen und Organ­i­sa­tio­nen, die die Demon­stra­tion unter­stützen wollen, kön­nen sich unter der e‑mail Adresse antifasaar@yahoo.de an uns wenden.

Antifa Saar / Pro­jekt AK

PDF: PE_190305

Presseerklärung zur Einstellung des Verfahrens wegen der Gedenktafel für Samuel Yeboah

Ver­fahren wegen Gedenk­tafel nun endlich eingestellt — Aber noch immer erin­nert nichts in der Saar­louis­er Innen­stadt an Samuel Yeboah

Am 19. Sep­tem­ber 2001 führte ein antifaschis­tis­ches Bünd­nis in Saar­louis eine Kundge­bung zur Erin­nerung an den 1991 bei einem ras­sis­tis­chen Bran­dan­schlag ermorde­ten Samuel Yeboah durch. Bei der Kundge­bung wurde zum Kampf gegen Neon­azis, Geschicht­sre­vi­sion­is­mus und Ras­sis­mus aufgerufen. Im Anschluss an die Kundge­bung wurde am Saar­louis­er Rathaus eine Gedenk­tafel ange­bracht, die der dama­lige Ober­bürg­er­meis­ter Fontaine noch am gle­ichen Tag in ein­er vol­lkom­men unüber­legten Aktion wieder abreißen ließ. Gegen den Anmelder der Kundge­bung erstat­tete OB Fontaine Anzeige wegen “Gemein­schädlich­er Sachbeschädigung”.

Das Ver­fahren wurde nun durch den zuständi­gen Richter beim Amts­gericht Saar­louis eingestellt. Damit hat ein weit­eres unsäglich­es Kapi­tel in der Chronik der Pein­lichkeit­en und Absur­ditäten der Stadt Saar­louis im Umgang mit AntifaschistIn­nen und Anti­ras­sistIn­nen ein Ende gefun­den. So wurde schon im Sep­tem­ber 2001 und in den darauf fol­gen­den Monat­en das Ver­hal­ten der Stadtver­wal­tung, ins­beson­dere des Her­rn Fontaine, stark kri­tisiert und auch die regionalen und über­re­gionalen Medi­en berichteten darüber, dass im Jahr des “Auf­s­tands der Anständi­gen” aktive Antifaschis­ten nun sog­ar für das Anbrin­gen ein­er Gedenk­tafel bestraft wer­den sollen. Zahlre­iche Grup­pen und Einzelper­so­n­en sol­i­darisierten sich mit dem Betrof­fe­nen in einem offe­nen Brief. In ganz Saar­louis und darüber hin­aus waren Plakate zu sehen mit einem Abbild der Gedenk­tafel, die Herr Fontaine gewalt­sam ent­fer­nen ließ und der Auf­schrift: “In Erin­nerung an Samuel Yeboah — Flüchtling aus Ghana — am 19.9.1991 durch einen ras­sis­tis­chen Bran­dan­schlag in Saar­louis ermordet”.
Der Prozess im Juni 2003 endete bere­its nach weni­gen Minuten in einem Eklat, als der Angeklagte bere­its nach den ersten sechs Worten sein­er Prozesserk­lärung durch den Richter unter­brochen wurde, der nicht zulassen wollte, dass “die Antifa in seinem Gerichtssaal eine Show abziehe”. Daraufhin kam es zu Protesten der anwe­senden ZuschauerIn­nen und die Gerichtsver­hand­lung wurde abge­sagt. Nun, gut 1 ½ Jahre später wurde das Ver­fahren eingestellt. Ein Sprech­er der Antifa Saar erk­lärte hierzu:

Natür­lich werten wir die Ein­stel­lung des Ver­fahrens als einen kleinen Erfolg unser­er Öffentlichkeit­sar­beit. An dieser Stelle sei auch allen Unter­stützerin­nen und Unter­stützern noch mal gedankt. Aber machen wir uns nichts vor, an Samuel Yeboah erin­nert noch immer nichts in der Innen­stadt und neon­azis­tis­ches Gedankengut tritt zur Zeit in der Bevölkerung so deut­lich zu Tage, wie schon lange nicht mehr. Außer­dem gibt es zur Zeit noch zahlre­iche weit­ere Ver­fahren gegen saar­ländis­che Antifaschisten”.

Die Antifa Saar wird auch in Zukun­ft gegen staatlichen Ras­sis­mus, Neon­azis­mus und Anti­semitismus ange­hen. Außer­dem fordern wir die Ein­stel­lung aller Ver­fahren gegen AntifaschistIn­nen und AntirassistInnen!

Antifa Saar / Pro­jekt AK

Pressemitteilung zum 70. Jahrestag der Saarabstimmung

Zum 70.Jahrestag der “Saarab­stim­mung”

Am morgi­gen Don­ner­stag jährt sich die Volksab­stim­mung über die Zuge­hörigkeit des Saarge­bi­etes zum 70. Mal. Die Erin­nerungskul­tur im Saar­land bewegt sich noch immer zwis­chen ein­er Glo­ri­fizierung der Parole “Hemm ins Reich” und völ­ligem Verken­nen von Ursache und Wirkung im Kriegs­geschehen an der Saar.

Über 90 Prozent der Wäh­lerIn­nen votierten an jen­em 13.Januar 1935 für den Anschluss der Saar an das nation­al­sozial­is­tis­che Deutsch­land. Die NSDAP regierte bere­its seit 2 Jahren im Deutschen Reich; die Kon­se­quen­zen, die eine Rück­gliederung der Saar an Deutsch­land bedeuten würde, waren klar und, dem Wahlergeb­nis nach zu urteilen, vom Großteil der Bevölkerung gewollt. Ver­nun­ft hat­te gegen diese nation­al­is­tis­che Ein­stim­migkeit keine Chance, die antifaschis­tis­che Ein­heits­front aus SPD und KPD und ihre Forderung nach Beibehal­tung des “Sta­tus quo” unter­la­gen in der Abstim­mung deut­lich: nur 8,8% der Wäh­lerIn­nen entsch­ieden sich für den Sta­tus Quo und gegen Nazideutschland.

Während heutzu­tage die Erin­nerung an den Wider­stand gegen den Anschluss an den Nation­al­sozial­is­mus nur noch in Nis­chen stat­tfind­et (an den Sozialdemokrat­en und Antifaschis­ten Max Braun erin­nert z.B. nur eine kleine Seit­en­straße in einem Saar­brück­er Wohnge­bi­et) und die auss­chließlich pos­i­tive Erin­nerung an das Ergeb­nis der Saarab­stim­mung, z.B. durch die “Straße des 13.Januar” und die Gedenk­tafel an der Saar­brück­er Wart­burg weit­er­hin unkom­men­tiert ste­hen bleibt, bricht im Zuge des 60. Jahrestages der Bom­bardierung von Saar­brück­en durch alli­ierte Luft­stre­itkräfte im Okto­ber let­zten Jahres eine weit­ere Form spez­i­fisch deutsch­er Erin­nerung durch. Die Täter von damals wer­den zu Opfern eines völ­lig aus dem Zusam­men­hang des übri­gen Kriegs­geschehen geris­se­nen “Bombenkrieges” stil­isiert. Dabei wird bewusst außen vorge­lassen, dass ger­ade Ereignisse wie die Saarab­stim­mung und ihre Fol­gen, näm­lich die Errich­tung des nation­al­sozial­is­tis­chen Ver­nich­tungsap­pa­rates und die Aus­löschung jüdis­chen Lebens auch im Saar­land, die Bom­bardierun­gen deutsch­er Großstädte und die daraus resul­tierende Zer­schla­gung des Nation­al­sozial­is­mus notwendig gemacht haben.

Die Antifa Saar / Pro­jekt AK fordert ein Ende der ein­seit­i­gen Erin­nerungskul­tur im Zusam­men­hang mit dem 13.Januar 1935 und eine angemessene Würdi­gung der weni­gen Antifaschis­ten, die sich bis zulet­zt und teil­weise unter Ein­satz ihres Lebens gegen den Anschluss der Saar an das nation­al­sozial­is­tis­che “Deutsche Reich” gewehrt haben.
Wir schließen uns der Forderung der AKTION 3.WELT SAAR vom 08.Januar 2005 nach ein­er Platzbe­nen­nung nach dem Sozialdemokrat­en Max Braun an.

Antifa Saar / Pro­jekt AK

Presseerklärung zum Anwerbeversuch — 06.Januar 2005

Erneuter Anwer­bev­er­such durch den saar­ländis­chen Verfassungsschutz

Am Dien­stag, den 4.Januar 2004, sucht­en zwei Mitar­beit­er des saar­ländis­chen Innen­min­is­teri­ums einen jun­gen Mann, den sie der antifaschis­tis­chen Szene zuord­neten, vor dessen Arbeitsstelle in St.Wendel auf. Als dieser seinen Arbeit­splatz gegen 13:40 Uhr ver­ließ und sich zu seinem Fahrzeug begeben wollte, sprachen ihn die Frau und der Mann mit­tleren Alters gezielt mit Namen an; dabei gaben sie sich als “Mitar­beit­er des Innen­min­is­teri­ums in Saar­brück­en” aus.
Mit der Behaup­tung, der Ange­sproch­ene würde ja die gle­ichen Ziele ver­fol­gen wie das Innen­min­is­teri­um und man solle doch gemein­sam “gegen die Nazis” arbeit­en, ver­sucht­en die bei­den Ver­fas­sungss­chützer, ihn zu einem Gespräch zu bewe­gen. Der über­raschte junge Mann, der unmit­tel­bar nach Feier­abend direkt vor sein­er Arbeitsstelle abgepasst wurde, ver­weigerte jedoch jedes Gespräch und jede Zusammenarbeit.

Die Antifa Saar / Pro­jekt AK hält diese Entschei­dung des jun­gen Mannes für die einzig richtige, denn es ste­ht unzweifel­haft fest, welche Ziele der Ver­fas­sungss­chutz mit solchen “Gespräch­sange­boten” ver­fol­gt : das Ausspähen link­er Struk­turen und die Unter­wan­derung und Bespitzelung link­er und antifaschis­tis­ch­er Gruppen.

Nicht zulet­zt das The­ater um das gescheit­erte “NPD-Ver­botsver­fahren” machte deut­lich, dass der Ver­fas­sungss­chutz recht­sradikale/-ter­ror­is­tis­che und neon­azis­tis­che Grup­pen nicht etwa zum Schutze der Ver­fas­sung bekämpft, son­dern durch den Ein­satz von V‑Leuten gezielt auf­baut und fördert.

Daher fordern wir die sofor­tige Ein­stel­lung aller Spitzeltätigkeit­en und Anwer­bev­er­suche gegenüber antifaschis­tisch aktiv­en Menschen.
Die Antifa Saar / Pro­jekt AK fordert weit­er­hin die Auflö­sung der deutschen Geheim­di­en­ste, welche nach­weis­lich in der Aufrechter­hal­tung rechter Struk­turen in Deutsch­land involviert sind oder waren, sowie Auskun­ft darüber, wie und in welchem Aus­maße V‑Leute des Ver­fas­sungss­chutzes in der saar­ländis­chen Neon­aziszene aktiv sind und welche Bedeu­tung diese für die Aufrechter­hal­tung neon­azis­tis­ch­er Struk­turen wie der “Kam­er­ad­schaft Saar­lautern” aus Saar­louis haben.

Antifa Saar / Pro­jekt AK

Saarbrücker Zeitung: “Nicht mit Gewalt”

Saar­brück­er Zeitung vom 04.01.2005

 

Nicht mit Gewalt”

 

von sz-redak­teur mar­tin rolshausen

Der Saar­brück­er Stad­trat hat im Novem­ber 2003 beschlossen, dass die links-alter­na­tiv­en Grup­pen aus der Alten Feuerwache raus müssen. Er hat die Mietverträge zum 31. Dezem­ber 2004 gekündigt. Die Frist ist ver­strichen. Eine Räu­mungsklage soll es aber nicht geben, sagt die Stadt.

 

Saar­brück­en. Dass aus­gerech­net er als Grü­nen-Poli­tik­er die Polizei gegen Demon­stran­ten zu Hil­fe rufen musste, fiel Bürg­er­meis­ter Kajo Breuer sichtlich schw­er. Aber was sollte er machen? Rund 40 Mit­glieder von links-alter­na­tiv­en Vere­inen, die ihre Büros in der Alten Feuerwache am Landwehrplatz haben, hat­ten das Podi­um in der Con­gresshalle beset­zt, von dem aus Breuer die Sitzung des Saar­brück­er Stad­trats zu leit­en hat­te. Frei­willig woll­ten die Demon­stran­ten nicht weichen. Also ließ sie der Bürg­er­meis­ter von der Polizei aus dem Saal führen. Das war am 4. Novem­ber 2003. Nach dem Polizeiein­satz beschloss der Stad­trat mit den Stim­men von SPD, CDU und Grü­nen ein­stim­mig das, was die Demon­stran­ten ver­hin­dern woll­ten: den im Vere­in Alter Feuer­drache zusam­mengeschlosse­nen Grup­pen wur­den die Räume in der Alten Feuerwache zum 31. Dezem­ber 2004 gekündigt.

 

Bei der Umset­zung dieses Beschlusses kann auf die Hil­fe der Polizei verzichtet wer­den, das hofft jeden­falls die Stadtverwaltung.

 

Die hat es offen­sichtlich auch nicht allzu eilig, die vom Stad­trat nicht mehr erwün­scht­en Mieter aus dem Haus zu bekom­men. Die Vere­ine “wer­den aufge­fordert, das Gebäude zu räu­men”, teilte Stadt­press­esprech­er Dirk Sell­mann gestern auf Anfrage mit. Die vom Stad­trat beschlossene Kündi­gung werde die Stadtver­wal­tung aber “sich­er nicht in den näch­sten Wochen” und “nicht mit Gewalt” durch­set­zten. “Eine Räu­mungsklage ist nicht geplant”, sagt Sellmann.

 

Bish­er hat­te der Vere­in Alter Feuer­drache, dem unter anderem der Kur­dis­che Kul­turvere­in, die Deutsche Friedensgesellschaft/Vereinigte Kriegs­di­en­stver­weiger­er, die Deutsch-Lateinamerikanis­che Gesellschaft, die Antifa Saar und das Kom­man­do Luftschloss ange­hören, allerd­ings keine Kom­pro­miss­bere­itschaft erken­nen lassen. Die Botschaft des Dachvere­ins lautete: “Frei­willig gehen wir nicht raus.”

 

Das Ange­bot der Stadtver­wal­tung, den Vere­inen bei der Suche nach neuen Räu­men behil­flich zu sein, lehnte der Alte Feuer­drache ab. Dass die Vere­ine in Räume außer­halb des Stadtzen­trums umziehen sollen, wom­öglich in ver­schiede­nen Stadt­teilen, ist für den Feuer­drachen nicht akzept­abel. Dass die Stadt durch den Auszug der Vere­ine 50000 Euro im Jahr sparen könne, wie Finanzdez­er­nent Frank Oran (CDU) vorg­erech­net hat­te, ist für den Alten Feuer­drachen kein Argument.

 

Die Alte Feuerwache müsse als “poli­tis­ches, kul­turelles und soziales Zen­trum” erhal­ten bleiben, erk­lärten die von Kündi­gung bedro­ht­en Vere­ine. Sie sam­melten Unter­schriften und organ­isierten eine Demon­stra­tion. Die links-alter­na­tiv­en Grup­pen kündigten voll­mundig an, dass sie die “Feuerwache vertei­di­gen” wollen.

 

Die Stadtver­wal­tung bleibt gelassen. Dirk Sell­mann: “Wir gehen davon aus, dass das ein­vernehm­lich geregelt wird.”

 

Quelle: Saar­brück­er zeitung, 04.01.05

Erlebnisbericht zum Naziaufmarsch am 18.12.2004 in Trier

Am Sam­stag, den 18.Dezember 2004, marschierten etwa 30 Neon­azis durch Tri­er. Unter dem Mot­to “Schluss mit den BRD-Refor­men — ein neues Sys­tem bietet neue Möglichkeit­en” forderten die aus der Region Tri­er und dem Saar­land angereis­ten Neon­azis (u.a. “Kam­er­ad­schaft Moselland(Trier)”, “Kam­er­ad­schaft Saarlautern(Saarlouis)”) die Wieder­errich­tung des Nationalsozialismus.

Seit mehreren Wochen hat­te die sog. “Kam­er­ad­schaft Mosel­land” um den Tri­er­er Neon­azi Peter ‘Knolle’ Hall­mann zu einem Auf­marsch am 18. Dezem­ber 2004 in Tri­er aufgerufen. Unter dem ein­deuti­gen Mot­to “Schluss mit den BRD-Refor­men — ein neues Sys­tem bietet neue Möglichkeit­en” woll­ten die Neon­azis für die Wieder­errich­tung des Nation­al­sozial­is­mus auf die Straße gehen. Unter­stützt wurde der Auf­marsch von der Saar­louis­er “Kam­er­ad­schaft Saarlautern”.
Ab 11 Uhr woll­ten sich die Nazis vor dem Tri­er­er Haupt­bahn­hof tre­f­fen, bis dann um 13 Uhr der Aufzug starten sollte. Die angemeldete Route durch die Innen­stadt wurde von der Stadt Tri­er, wohl vor allem wegen dem zeit­gle­ich stat­tfind­en­den Wei­h­nachts­markt, ver­boten, das Ver­bot wurde vom Ver­wal­tungs­gericht bestätigt. Nach­dem die Anmelder gegen dieses Ver­bot klagten und vor dem Oberver­wal­tungs­gericht Koblenz Recht beka­men, einigten sie sich mit der Stadt Tri­er auf die Route außer­halb der Innen­stadt, durch ein Wohnge­bi­et hin­ter dem Hauptbahnhof.

Pünk­tlich um 11 Uhr trafen dann auch die ersten Nazis ein. Als Laut­sprecher­wa­gen fungierte ein­mal mehr der hell­blaue VW Pas­sat von Dominik Kleer (“Kam­er­ad­schaft Saar­lautern”). Die Polizei hat­te mit einem Großaufge­bot den Bahn­hofsvor­platz abgeriegelt, die nach und nach ein­tr­e­f­fend­en Gegen­demon­stran­tInnen, die zum Teil an der Gegenkundge­bung vor der Basi­li­ka teilgenom­men hat­ten, wur­den von den Überwachung­steams der Polizei fleißig abge­filmt und fotografiert. Jet­zt hieß es warten, ein paar einzeln hinzus­toßende Nazis wur­den ver­jagt, anson­sten wurde die Zeit bis zum Beginn des Auf­marsches durch Sprechchöre etc. überbrückt.
Unter­dessen gab es die Nachricht, dass am Saar­brück­er Haupt­bahn­hof mehrere Faschis­ten am Besteigen eines Zuges nach Tri­er gehin­dert wur­den und im Lauf­schritt den Bahn­steig ver­lassen mussten.
Für gute Stim­mung unter den Gegen­demon­stran­tInnen sorgten dann die Nazis selb­st, als es kräftig aus dem Motor des Nazi­lautis anf­ing zu qual­men. Der Strom war weg, die Bat­terie futsch und die Stim­mung aus­ge­lassen. Nachrück­ende Nazis aus Saar­brück­en bracht­en dann eine neue Auto­bat­terie mit, so dass gegen 13.30 die Nazikundge­bung begin­nen kon­nte. Zu diesem Zeit­punkt nah­men etwa 30 Nazis an der Ver­anstal­tung teil. Die Reden, u.a. von Dominik Kleer, Peter Hall­mann und einem NPDler gin­gen im Großen und Ganzen unter den Rufen und Pfeifen der AntifaschistIn­nen unter.
Nun zog der Nazi­auf­marsch in Form von 30 Nazis mit 3 Trans­par­enten und mehreren schwarzen und Schwarz-Weiß-Roten Fah­nen los Rich­tung Küren­z­er Straße. Kaum ein paar Meter gelaufen, ging ein wahrer Hagel aus Obst, Gemüse, Eiern und Flasche auf die Nazis nieder, so dass diese erst­mal ren­nen mussten um aus der Schus­slin­ie zu kom­men. Zur angekündigten Schnee­ballschlacht (remem­ber Stal­in­grad) kam es lei­der auf Grund der unsym­pa­this­chen Wet­ter­ver­hält­nisse nicht, trotz­dem wur­den die Nazis den ganzen Tag über mit unter­schiedlich­sten Wur­fgeschossen eingedeckt.
Geschützt von mehreren hun­dert PolizistIn­nen zogen die Nazis dann durch ein Wohnge­bi­et hin­ter dem Haupt­bahn­hof. AntifaschistIn­nen gelang es immer wieder, die Naziroute zu block­ieren und auf Wur­fweite an den Nazi­auf­marsch her­anzukom­men. Dabei kam es zu Knüp­pelein­sätzen und ersten Fes­t­nah­men gegen AntifaschistInnen.
Eines der bere­its beschriebe­nen Wur­fgeschosse zer­schlug ziel­ge­nau eine Scheibe des Laut­sprecher­wa­gens und bescherte den Nazis eine etwas zugige Heim­fahrt. Durch die Scher­ben wurde eine im Auto sitzende Faschistin wohl leicht verletzt.
Gegen 16 Uhr endete der Auf­marsch unter ständi­gem antifaschis­tis­chen Protest und die Nazis durften ihre Heim­reise antreten, diejeni­gen die mit dem Zug fuhren beka­men einen polizeilichen Geleitschutz bis zum Ziel­bahn­hof gestellt.

Faz­it:
— magere 30 Neon­azis, ein beschädigtes Naziauto
— min­destens 300 GegendemonstrantInnen
— mehrere Polizei-Hundertschaften
— Block­aden der Naziroute, Obst‑, Gemüse- und Flaschenwürfe
— mehrere Fes­t­nah­men und Knüppeleinsätze

Auch veröf­fentlicht auf indy­media: http://www.de.indymedia.org/2004/12/102195.shtml